Dr. Evelyn Weiss
Laudation zur Ausstellung "Umarmung" im Universitätsclub Bonn, Januar 2007
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich war etwas eingeschüchtert, als ich das Wort Laudatio in der Ankündigung gelesen habe, denn normalerweise ist das nicht ein Wort, dass man benutzt, wenn man jüngere und zeitgenössische Kunst ausstellt. Man macht eine Einführung, oder man macht manchmal auch gar nichts. Sie kennen alle die Vernissagen, wo man einfach nur rum steht, vor allem mit dem Rücken zu den Bildern. Das ist heute Abend doch ein bisschen anders. Ich freue mich hier einen Italienischen Künstler vorzustellen, vor allem aber auch - ich bin ja auch ein bisschen stolz auf meine Wahlheimat Bonn - einen Bonner Künstler. Er lebt hier ganz in der Nähe und es ist doch immer wieder erstaunlich, dass es auch heutzutage noch unbekannte Künstler zu entdecken gibt.
Pierluigi Guglielmo, ist jetzt so weit, dass er ein größeres Oevre vorstellen kann und wir warten eigentlich alle auf die große Retrospektive. Das, was Sie jetzt hier sehen, ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus seinem Werk, aber ich werde versuchen, es so gut ich kann darzustellen.
Seit dem 19. Jahrhundert sind deutsche Künstler, von Sehnsucht nach Licht und Wärme getrieben, in Scharen nach Italien gepilgert. „Kennst du das Land, in dem die Zitronen blühen?“ ist das Lied der langen Karawane vom Norden nach Süden. Die umgekehrte Richtung ist viel seltener eingeschlagen worden, bleibt eigentlich die Ausnahme. Bis auf einige Futuristen, die über Paris nach Deutschland sporadisch zu Besuch kamen, sind keine Reisebewegungen bekannt. Pierluigi Guglielmo hat die Überquerung der Alpen in den Norden gewagt. Er hat als Maler der strahlenden südlichen Landschaft den Rücken gekehrt. Er hat sich von der etwas betulichen römischen Kunstszene losgesagt, von einer schönen Malerei, die sich gerne in einer diffusen Rhetorik und einer gegenstandslosen Mystik verlor, verabschiedet. Die Begegnung mit der Kunstszene der 80ger Jahre in Deutschland war gewaltig und für Guglielmo ein Glücksfall. Er sagt selber zu dieser Zeit: "La venuta in Germania è stata anche la scoperta di un modo di dipingere che mi ha catturato molto presto, i colori sofferti – le ruggini, dicevo io – la presenza cosciente della storia come dibattito e dilemma. La forza di quella generazione di nuovi selvaggi mi faceva sentire a casa mia“. Casa mia, also zu Hause, Guglielmo war bei sich angekommen. Die Begegnung mit der gewaltigen deutschen Kunstszene, Malerszene der achtziger Jahre.
Diese Wucht der 80ger Jahre hat ihn mitgerissen, die deutsche Kunstszene hat ihn deutlich geprägt. Er selber sieht hier und zu dieser Zeit seine Geburtsstunde als Künstler. Mit seinen Worten: „L’enfasi, il lavoro artistico di quelli anni ottanta in Germania mi ha coinvolto e credo di essere un artista fondamentalmente nato in quel periodo e qui, in Germania”. Er ist als Künstler hier in Deutschland geboren. Der Italiener in Deutschland: Im Falle von Guglielmo scheint der Begriff so gut zu passen, mit dem der kürzlich verstorbene Ausstellungsmacher Harry Szeemann seine Tätigkeit bezeichnete: Agentur für geistige Gastarbeit. Piero ist ein geistiger Gastarbeiter.
Natürlich blieb er seiner Heimat verbunden, er hat nie seine Wurzeln gekappt, er blieb in seiner Art, seiner Persönlichkeit, seiner Sprache durch und durch Italiener. Es ist ihm stets bewusst, woher er stammt, er sagt dazu: „Ich konnte doch nicht aus dem nichts kommen“, und stets verfolgt er die Geschichte seines Landes, die künstlerische aber auch politische und soziale Entwicklung seiner Heimat, die er aber immer weniger versteht. Manchmal geht es uns auch so. Mit einer Art Hass-Liebe beobachtet er diese Geschichte aus der Ferne, die ihm zuweilen geheimnisvoll, ja enigmatisch erscheint. Wichtig in diesem Zusammenhang sind die Graffiti mäßigen Inschriften, Wortfetzen, Buchstaben in fast allen seinen Bildern aus den letzen Jahren, die immer nur Fragmente bleiben, keine Bedeutung haben, keinen literarischen oder irgendwie erzählenden Inhalt vorweisen.
Der erste Eindruck der Bilder von Guglielmo ist der, von großflächigen, frei und ungestüm gestalteten Kompositionen, die aber bei näherer und längerer Betrachtung eine subtile, nicht unmittelbar wahrzunehmende Tektonik des Aufbaus erkennen lassen. Oft ist die Komposition zentriert, endet sogar einige Zentimeter vom Bildrand entfernt und scheint somit vor der Leinwand zu schweben, als gäbe es noch eine, oder mehrere Ebenen dahinter. Durch ständige Übermalungen und Farbschichten ergibt sich ohnehin eine Tiefenwirkung, ein Sog, der das Auge immer stärker in das Bild hineinzieht. Locker gesetzte, großzügige und freie Pinselstriche, manchmal fast Hiebe, kontrastieren mit den Buchstaben, Wortfetzen, Chiffren, Zeichen Kritzeleien, die immer wieder in die Leinwände eingeschrieben sind. So schnell wie Gedanken kommen und gehen scheinen sie hier für einen Augenblick sichtbar zu werden, um gleich wieder zu verschwinden.
Im letzten Jahr ist eine gänzlich neue Gruppe von Bildern entstanden, in der er sich sehr stark von seiner früheren Malerei entfernt hat. Von vielen Seiten her entfernt. Von der Stimmung, vom Colorit und von der Technik her. Guglielmo betritt eine neue Welt, die Formate reduzieren sich beträchtlich, die Leinwände schweben nicht mehr frei und anarchisch vor der Wand, sie sind sorgsam auf Keilrahmen fixiert, sie verschreiben sich einer Ordnung, welche Freiheit jenseits jedes chaotischen Zustands sucht. Früher waren die Bilder oft nicht auf Keilrahmen aufgezogen, sonder hingen einfach frei an der Wand.
Die Buchstaben, die Graffiti, die Inschriften werden immer mehr zurückgenommen und verdrängt, bis nur noch Erinnerungen, Zeichen und flüchtige Chiffren bleiben, die unter den lasiert aufgetragenen Farbschichten verschwinden. Man glaubt manchmal Buchstaben und Worte zu entdecken, aber es sind nur Ahnungen, die sich visuell schnell auflösen. Manchmal erscheinen auch kleinere Bilder, die in das Format eingeschrieben werden. Weiße Rechecke, mit oder ohne Motive, rätselhafte Bilder im Bild. Das Bild im Bild ist ein uraltes Topos der Malerei und hier huldigt der Künstler diesem alten Topos.
Verglichen mit den früheren Bildern erscheint der Farbauftrag leise. Die Farben scheinen die Leinwand zu liebkosen, leicht und zärtlich zu berühren. Die Pinselführung ist auf der letzten Schicht fast ausschließlich in horizontalen Strukturen sichtbar. Manchmal lassen die durchscheinenden unteren Schichten vertikaleElemente auftauchen oder herabtropfende Farbspuren - eine ganz zarte Andeutung von Dripping - kontrastieren leicht mit den generell horizontal angelegten Farbschichten. Alles ist in diesen Bildern zurückgenommen, leise. Sie kommen so zu sagen auf Zehenspitzen daher, vor allem, wenn man sie mit der vorangegangenen Schaffensphase vergleicht.
Und zuletzt, aber eigentlich von Anfang an, diese Farbigkeit. Dunkel zunächst, beim ersten Zusehen, dann entdeckt man beim längeren und intensiverem Zuschauen, die hellen Streifen und Schichten, die sich von hinten zur Leinwandoberfläche hin nach vorne drängen und manchmal sogar eine glühende Farbinsel freilegen. Diese Farblichkeit ist wahrscheinlich das Hauptthema dieser Serie. Das Licht zu bannen und wiederzugeben ist die Sehnsucht von Generationen von Malern, von Tintoretto bis Rothko.
Und noch mehr erzählen diese Bilder von einer Reise, die der Künstler unternommen hat, um neue Ufer zu erkunden. Sich in Abenteuer zu stürzen, die ewigen Abenteuer der Malerei. Guglielmo hätte einen bequemeren Weg gehen können. Mit seinem Stil war er anerkannt, begann großen Erfolg zu haben, die Marke war da. Marktmäßig ist es ein riskanter Schritt, sich auf neue Ufer zu begeben. Aber diese Bilder erzählen fast schmerzhaft von dieser Sehnsucht, neues zu erkunden, sich zu verändern. Einer Sehnsucht nach Freiheit, ja sogar ein Recht darauf. Der Künstler selber hat das sehr schön formuliert. Ich zitiere: “Le mie opere cantano di un diritto, il diritto alla ricerca, cercare è andare, abbandonare, acquisire, tornare, cambiare, trovare, scoprire, coniugare attività che appartengono al normale repertorio del mio lavoro ma che dovrebbero anche essere possibilità per ogni essere”.
Also die Freiheit nicht nur des Künstlers, sonder auch die Freiheit für uns alle, und jetzt haben sie auch die Freiheit sich die Bilder noch einmal anzusehen und sich daran zu erfreuen. Ich danke Ihnen.
Dr. Evelyn Weiss
Geboren in Rom. Studium der Kunstgeschichte, Romanistik und Vergleichenden
Religionswissenschaft an den Universitäten Bonn und Wien. Verlagstätigkeit
in Paris. Kuratorin am Wallraf-Richartz-Museum, Köln. 1986-2003 Stellvertretende
Direktorin am Museum Ludwig, Köln. Zahlreiche Ausstellungen und Veröffentlichungen
im In- und Ausland, u.a. Kommissarin für Deutschland bei den Biennalen
1973, 1975 und 1989.
Dr. Evelyn Weiss
Einführung zur Ausstellung "Sequenzen" im Italienischen Kulturinstitut in Köln, März 2005
Seit dem 19. Jahrhundert sind deutsche Künstler von Sehnsucht nach Licht
und Wärme getrieben in Scharen nach Italien gepilgert. „Kennst du das
Land, in dem die Zitronen blühen?“ ist das Lied der langen Karawane
vom Norden nach Süden. Die umgekehrte Richtung ist viel seltener eingeschlagen
worden, bleibt eigentlich die Ausnahme. Bis auf einige Futuristen, die über
Paris nach Deutschland sporadisch zu Besuch kamen, sind keine Reisebewegungen
bekannt. Pierluigi Guglielmo hat die Überquerung der Alpen in den Norden
gewagt. Er hat als Maler der strahlenden südlichen Landschaft den Rücken
gekehrt. Er hat sich von der etwas betulichen römischen Kunstszene losgesagt,
von einer schönen Malerei, die sich gerne in einer diffusen Rethorik
und einer gegenstandslosen Mystik verlor, verabschiedet.
Die Begegnung mit der Kunstszene der 80ger Jahre in Deutschland war gewaltig
und für Guglielmo ein Glücksfall. Er sagt selber zu dieser Zeit:
"La venuta in Germania è stata anche la scoperta di un modo di dipingere
che mi ha catturato molto presto, i colori sofferti – le ruggini, dicevo
io – la presenza cosciente della storia come dibattito e dilemma. La forza
di quella generazione di nuovi selvaggi mi faceva sentire a casa mia…. “
Guglielmo war bei sich angekommen.
Die Wucht der 80ger Jahre hat ihn mitgerissen,
die deutsche Kunstszene hat ihn deutlich geprägt. Er selber sieht hier
und zu dieser Zeit seine Geburtsstunde als Künstler. Mit seinen Worten:
„L’enfasi, il lavoro artistico di quelli anni ottanta in Germania mi ha coinvolto
e credo di essere un artista fondamentalmente nato in quel periodo e qui,
in Germania”. Der Italiener in Deutschland: Im Falle von Guglielmo scheint der Begriff
so gut zu passen, mit dem der kürzlich verstorbene Ausstellungsmacher
Harry Szeemann seine Tätigkeit bezeichnete: Agentur für geistige
Gastarbeit.
Natürlich blieb er seiner Heimat verbunden, er hat nie seine Wurzel
gekappt, er blieb in seiner Art, seiner Persönlichkeit, seiner Sprache
durch und durch Italiener. Es ist ihm stets bewusst, woher er stammt, er
sagt dazu: „Ich konnte doch nicht aus dem Nichts kommen“, und stets verfolgt
er die Geschichte seines Landes, die künstlerische aber auch politische
und soziale Entwicklung seiner Heimat, die er aber immer weniger versteht.
Mit einer Art Hass-Liebe beobachtet er diese Geschichte aus der Ferne, die
ihm zuweilen geheimnisvoll, ja enigmatisch erscheint. Wichtig in diesem Zusammenhang
sind die graffitimäßigen Inschriften, Wortfetzen, Buchstaben
in fast allen seinen Bildern aus den letzen Jahren, die immer nur Fragmente
bleiben, keine Bedeutung haben, keinen literarischen oder irgendwie erzählenden
Inhalt vorweisen. Nur in zwei Fällen sind Worte und Bezeichnungen vollständig
erhalten und beide Male beziehen sie sich eindeutig auf Italien.
Es sind die Bezeichnungen S.P.Q.R. und Italicus.
Letzteres erscheint ohnehin quasi als Manifest, ist doch die ganze Fläche
der Leinwand mit meist schwarzen Buchstaben wie mit Graffiti bedeckt – Eine
gigantische Wand, in die die Worte der Erinnerungen, der Liebe, des Hasses,
der Sehnsucht wie eingemeißelt sind.
Wir lesen unter anderem: Omertà, Bologna, Milano, Andreotti, Craxi,
Roma, Ordine nero, Modugno, Piazza Fontana, Milva, ciao, mafia, Seveso, Papa
Giovanni, Fellini, Massina, Pierpaolo Pasolini, Vespa. Einzelne rote und
blaue Buchstaben tauchen auf tauchen auf, eine schwarze, gesichtsähnliche
Form rechts ist unterlegt sowie andere schwarze und rote Farbformationen,
die zusammen mit blauen, grünen, gelben Farbtupfern die Bildfläche
sythemisieren.
Die Bezeichnung S.P.Q.R. ist wie eine antike Inschrift, in der oberen Hälfte
der rot unterlegten Komposition angebracht, einer wie stets gegenstandslosen
Komposition, die hier durch eine zentrierte Form etwas sehr monumentales
inne hat. Die lateinische Abkürzung S.P.Q.R. steht für Senatus
Populusque Romanorum und war in römischer Zeit eine sehr häufige
Bezeichnung für den römischen cives, für den Bürger,
der öffentliche Dienste und Funktionen hatte. Es wurde mit der Zeit
zu einem allgemeinen Ausdruck, der die römische Welt und Kultur kennzeichnete.
Stolz und doch ein wenig verloren prangt die Inschrift auf dem Bild als Reminiszenz
einer untergegangenen, verschollenen Zeit, die hier aus der Tiefe einer unbestimmten
Erinnerung und Sehnsucht auftaucht.
Der erste Eindruck der Bilder von Guglielmo ist der, von großflächigen,
frei und ungestüm gestalteten Kompositionen, die aber bei näherer
und längerer Betrachtung eine subtile, nicht unmittelbar wahrzunehmende
Tektonik des Aufbaus erkennen lassen. Oft ist die Komposition zentriert,
endet sogar einige Zentimeter vom Bildrand entfernt und scheint somit vor
der Leinwand zu schweben, als gäbe es noch eine, oder mehrere Ebenen
dahinter. Durch ständige Übermalungen und Farbschichten ergibt
sich ohnehin eine Tiefenwirkung, ein Sog, der das Auge immer stärker
in das Bild hineinzieht. Locker gesetzte, großzügige und freie
Pinselstriche, manchmal fast Hiebe, kontrastieren mit den Buchstaben, Wortfetzen,
Chiffren, Zeichen, Kritzeleien, die immer wieder in die Leinwände eingeschrieben
sind. So schnell wie Gedanken kommen und gehen scheinen sie hier für
einen Augenblick sichtbar zu werden, um gleich wieder zu verschwinden.
Der Künstler will sich auch nicht festlegen, er will nicht analysieren,
urteilen, bestimmen. Dafür sei Malerei nicht das geeignete Medium. Guglielmo
möchte auf einer anderen, intuitiv - kreativen Wellenlänge mit
der Umwelt kommunizieren. Das Schreiben ist hier gleichsam malen, der Gestus
ist beiden Tätigkeiten gemeinsam. Die Schrift in der Malerei ist in
der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts ein großes Thema und sicher
gilbt es auch bei Guglielmo Anklänge an berühmte internationale
Künstler wie Twombly und Basquiat. Doch vergleichen kann man die Bilder
überhaupt nicht, denn oft ist bei dem einen oder anderen eine Prevalenz
der Schrift oder der Figuren, die bei Guglielmo nie vorkommt: seine Bilder
sind in erster Linie gegenstandslos im Sinne des Informel. Doch die oben
erwähnte Tektonik der Komposition verankert die Bilder im Rahmen, sie
gibt ihnen Halt und Festigkeit. Wenn man von Graffiti spricht, evoziert man
gleichzeitig die Vorstellung von Mauern, Fassaden und damit weiterhin von
Straßen. Und durch diese Straßen gehen die Menschen, sie leben
und überleben und davon wollen die Gemälde von Guglielmo erzählen.
Im metaphysischen Sinne sind Mauern auch Grenzen, die man instinktiv überwinden
will. Schranken der eigenen Möglichkeiten, die man bezwingen möchte.
Bei allen tieferen Überlegungen und Motivationen von Guglielmo tritt
in dieser Malerei etwas sehr bestimmtes hervor, das auf keinen Fall vergessen
werden darf und das wie im Taumel den Betrachter erfasst: Eine unbändige
Kraft und eine laute und befreiende Freude am Leben.
Dr. Evelyn Weiss
Geboren in Rom. Studium der Kunstgeschichte, Romanistik und Vergleichenden
Religionswissenschaft an den Universitäten Bonn und Wien. Verlagstätigkeit
in Paris. Kuratorin am Wallraf-Richartz-Museum, Köln. 1986-2003 Stellvertretende
Direktorin am Museum Ludwig, Köln. Zahlreiche Ausstellungen und Veröffentlichungen
im In- und Ausland, u.a. Kommissarin für Deutschland bei den Biennalen
1973, 1975 und 1989.
Prof. Dr. Heijo Klein
Einführung in die Ausstellung zum Dies Academicus der Universität Bonn,
Dezember 2000
Der DIES ACADEMICUS, der traditionelle Festtag der Rheinischen FriedrichWilhelms-Universität in Bonn ist Anlass,
nach den Vorträgen der Wissenschaft auch die Künste vorzustellen. Das Studio für Kunsterziehung, das als Teil des
Studium Universale mit ein künstlerisches Angebot für alle Studierenden bietet, freut sich und wir hoffen, Sie auch
- dass dank der Zusammenarbeit mit dem Collegium Musicum in der Konzertpause nun zum zweitenmal im Foyer der Aula
unserer Alma Mater eine kleine Ausstellung gezeigt werden kann. In der ersten Ausstellung dieser Art, vor einem Jahr,
stellte sich das Studio mit Arbeiten der Kursteilnehmer und der Lehrenden vor. Diesmal können wir eine ganz andere
Ausstellung präsentieren, eine Bilderwand mit großformatigen Gemälden von Künstlerkollegen aus China. Die vier
Künstler, tätig an der Nationalitäten-Universität Peking, vertreten in ihren Werken eine Annäherung an die
westliche Kunst - jenseits der traditionellen chinesischen Malerei und dem Sozialistischen Realismus.
Yu Shusheng bezieht Position; stellt sich dem Drama des Menschen in seiner Umgebung und in seiner Zeit - sei es
als Rückzug auf sich selbst, so als: "Vereinsamung" - der Mensch allein und nur in Zwiesprache mit dem Buch -
oder in seiner Aufopferung in dem düsteren Bild: "Tod des Helden". Neben dem großen Panorama der Katastrophe
zeigt er sein programmatisches Gemälde "Die Freiheit führt uns weiter": die Geste der Leitfigur als
Siegeszeichen und Kreuz zugleich.
Chen Xin hingegen geht vorsichtig reflektierend und eher meditativ seine Themen an: "Landschaften mit Menschen"
nennt er seine Bilder. Einerseits erkennt man eine mit dunklen Farben angedeutete stilisierte Menschengruppe.
Andererseits führt er in die abstrahierte Szenerie eines dynamischen Geschehens, in ein Drama des Menschen,
aber auch dann folgerichtig weiter in das hervor strahlende Licht in seinen ungegenständlichen Bildern.
Wang Cheng, seinerzeit Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung, verarbeitet in Auseinandersetzung mit der
Pop-Art, Bilder der Medien unter dem Prinzip der Collage. Westliches und Östliches trifft hart aufeinander,
die chinesische Zeitung und das Reklameplakat. Die geschönten Bilder der Illustrierten werden übermalt und
collagiert: "Zerbrochene Kultur" so ein Titel, aber auch das "Denkmal der Unbekannten" mit der Erinnerung an
die Tuschmalerei.
Schließlich der Vierte unserer Künstler: Pierluigi Guglielmo, Gastprofessor in Peking, beschäftigt sich mit
Reduktionen von Graffiti und Piktogrammen. In seinen Kurzformen der Zeichnung, in skizzenhaften
Vergegenwärtigungen von Geschehnissen, geht der oder das Einzelne im Chaos der Massierung auf.
Entsprechend unprätentiös zeichnet er auf Leintücher: das Gewirr der Straßen, Häuser und Menschen
in Nangking, oder nicht ohne Humor, als "Angeli".
Ergänzend sind Arbeiten von Anne Engelhard-Hong ausgestellt, Sandbilder, in denen Masken und Augen
seltsame Verbindungen eingehen lind Phantastisches wie Albtraumhaftes ansprechen, dabei Westliches wie
Östliches verarbeiten, so einerseits "Die Fünf Nichts", andererseits das "Voodoo Girl" oder das "Monster".
Gemeinsam ist diesen Gemälden, dass sie - anders als die mit einem Blick zu erfassenden Bilder der Medien,
und auch anders auch als die Bilder des Realismus der Malerei - aufzufassen sind: dass sie trotz ihrer
großen Formate geduldig gelesen werden wollen - und dazu möchten wir Sie nun einladen.
Prof. Dr. Heijo Klein
Leiter des Studios für Bildende Kunst -
Kunsthistorisches Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Dr. Brigitte Kaiser-Derenthal
Grußwort zur Austellung im Goethe-Institut, Bonn November 2000
Die Kulturen der Welt sind geniale Verbindungen der Menschen untereinander. Bilder wiederum sind wie geöffnete
Fenster der verschiedenen Kulturen zur Welt.
Zum Ende des Jahres 2000 möchte das Goethe-Institut Bonn im Rahmen eines Künstleraustausches durch die
Weiterführung der Pekinger Ausstellung "M e n s c h und Na t u r" Verbindungen verstärken, die zwischen Künstlern
in China und Europa, in Peking, Nanking und Bonn, entstanden sind.
Das Kunstmuseum Bonn entdeckte für seine Ausstellung "CHINA!" im Jahre 1996 eine Avantgarde, zu der auch Wang Cheng
gehörte, Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung und Student und ausstellender Künstler im Goetheinstitut Bonn.
Eine Künstlerfreundschaft verbindet ihn mit Pierluigi Guglielmo, einem italienischen Maler, der in Bonn lebt
und mit dem zusammen er seine chinesische Heimat bereiste.
Ab 2. November werden im Goethe-Institut Arbeiten der beiden Künstler als "Ouvertüre" zur Sammelausstellung
gezeigt, die am 24. November in unserem Institut eröffnet wird.
"Hommage an das Jahr 2000" ist unser Untertitel der Ausstellung nach dem Titel des Bildes, das Pierluigi
Guglielmo in Peking präsentierte und hier den Studentinnen und Studenten des Goethe-Instituts widmen möchte.
Bei diesem Gegenbesuch noch im Jahr 2000 stehen ausgewählte Bilder von Chen Xin, Pierluigi Guglielmo,
Wang Cheng und Yu Shusheng als visuelle Reflektionen im Dialog miteinander und in freundschaftlicher
Konfrontation zueinander. Die Rezeption dieser Bilder, täglich wahrgenommen und erlebt von unseren
Studentinnen und Studenten, Betrachtern aus nahezu allen Kulturregionen der Welt, wird eine ganz besondere sein.
Wir bedanken uns bei allen Künstlern, besonders bei Prof. Guglielmo, Bernhard von Grünberg und Dr. Ng Hong Chiok,
die die Patenschaft dieser Ausstellung übernommen haben.
Dr. Brigitte Kaiser-Derenthal
Leiterin Goetheinstitut
Paris / Bonn / Budapest
Helmlut Brandt
Köln, Juli 2000
In eine Zeit der Inflation von Bildern und Zeichen, einer Inflation von Be-Deutungen
(man denke nur an die unvorstellbaren Mengen von Daten/Zeichen, die durch
die elektronische Vernetzung weltweit ausgetauscht werden) greift der Künstler
Pierlugi Guglielmo zurück auf das, was ganz am Anfang der Kunst war,
auf Piktogramme, Symbole, elementare Zeichen, aus denen heraus sich später
die Schrift "bildete". Von dem Moment der menschlichen Entwicklung an, als
zum erstenmal jemand im Halbdunkel einer Höhle sich aufrichtete und
mit Ruß oder roter Erde Symbole an die Wände zeichnete, bis auf
den heutigen Tag hat sich das Graffito als Element künstlerischen Ausdruckwillens
erhalten.
Pierluigi Guglielmo hat in diesem Zusammenhang in den letzen Jahren eine
ganz eigenständige Bildsprache entwickelt, die die Vergänglichkeit
von Botschaften zum Gegenstand nimmt, mehr noch, die die Vorläufigkeit
und Fragwürdigkeit geschriebener (skripturaler) Zeichen zum Thema hat.
Die Schrift wird reduziert auf den alleinigen Gestus des Schreibens, sie
bedeckt in undeutbarer, d.h. bedeutungsloser Weise das Blatt oder sie wird
im Bild verborgen, übermalt, unkenntlich gemacht. Oder sie kontrastiert
zu bereits erodierten Zeichen, also zu skripturalen Resten von früher,
wie z.B. in dem Bild "otrinartköm“
Guglielmo's Bilder haben mich an eine Episode in dem Roman "Der Herbst des
Patriarchen" des kolumbianischer Schriftstellers Gabriel Garcia Marquez erinnert.
Der Tyrann, ein typischer lateinamerikanischer Despot, ist endlich gestorben.
Aber obwohl sein Leichnam gefunden wurde, kann man nicht sicher sein, dass
er tot ist, denn die Alten erinnern sich an ganz ähnliche Vorkommnisse,
und doch kehrte der Despot kurz danach wieder zur alten Herrschaft zurück.
"Wir wussten, dass kein Beweis...als bündig anzusehen war," heißt
es da, "denn immer lag eine andere Wahrheit hinter der Wahrheit".
Natürlich lassen sich im Schaffen von Pierluigi Guglielmo Anklänge
an bekannte Repräsentanten der neueren Kunstgeschichte finden: Twombly,
Dubuffet, Klee und Basquiat. Kein Mensch lebt losgelöst von der Kultur,
in die er hineingeboren wurde.
Dennoch und dies möchte ich ganz besonders betonen, Pierluigi Guglielmo
hat eine ganz eigenständige Ausdrucksweise gefunden, die sich positiv
vom Mainstream des gegenwärtigen Kunstbetriebs abhebt und auf eine beachtenswerte
weitere künstlerische Zukunft hoffen lasst.
Helmut Brandt
Kunstler
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